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Be part of the art

Micaela Pagener

Künstlerin aus Köln

Micaela Pagener versteht ihre aufwändige Assemblage-Kunst als „leise Rebellion“. Wogegen sich diese richtet, erzählt die ehemalige Lehrerin uns im Interview.

 
„Mit der Zeit habe ich begriffen, dass ich eine besondere Gabe habe. Das genieße ich!“

Impressionen

 

Alle Fotografien von Sigrun Strangmann, www.sigrunstrangmann.com.

Interview

Wie kamst du zur Kunst?

Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre war Köln prall voll von spannender Kunst und mich hat die rebellische Kraft, Tabulosigkeit und die Aufbruchsstimmung dieser Kunst fasziniert! Da wollte ich mitmachen!

Du bist pensionierte Lehrerin. Hat die Kunst immer schon eine große Rolle für dich gespielt?

Vor meinem Berufseinstieg ja, dann wurde das weniger, weil der Beruf sehr viel kreative Kraft abgesaugt hat. Kreative Projekte habe ich in dieser Zeit viele entwickelt, mit meiner Kunst konnte ich mich aber weniger intensiv beschäftigen. Ideen hatte ich weiter im Kopf und habe immer weiter Stoffe und Gegenstände gesammelt und mir vorgestellt, was ich damit machen kann. Von dieser Vorarbeit zehre ich heute noch sehr. Ich erinnere mich gerne auch daran, wie ich in der Oberstufe mit Schülern Lotte und Werther von Goethe geklebt habe. So lässt sich ein Text auch interpretieren. Meine Germanistenkollegen waren zum Teil ziemlich annoyed!

Gibt es ein Erlebnis, das dich und deine Kunst besonders geprägt hat?

Angefangen habe ich mit einem Hochzeitsgeschenk für meine beste Freundin. Mann mit Zylinder und Frau mit rosa Fellcape! Wunderschön, aber irgendwie auch ziemlich ironisch! Ich hab gleich gemerkt, das ist deins! Dann kam ein böser Clown, eine merkwürdige Familie und und, und. Das positive Feedback hat mich ungemein ermutigt. Ich war verblüfft, was ich zustande bringe und wie meine Umwelt darauf reagiert.

Deine Kunst nennst du „Assemblage“, also das Zusammenfügen von verschiedenen Materialien zu einem Kunstwerk. Wie beginnt ein solches Kunstwerk zu entstehen, woher kommt die Inspiration?

Meine Fantasie ist grenzenlos. Das ist auch manchmal anstrengend für mich. Ich tue eigentlich nichts. Ich sehe was und das verwandelt sich dann blitzschnell in etwas anderes. So wird z.B. schlagartig aus einem scheußlichen, farblos milchigen Plastikohrring eine fette Made. Ich schau mir die Bilder, Stoffe und Objekte an, mir fällt dann oft das Thema dazu ein und wie ich das Fundstück wirkungsvoll einsetzen könnte, welche neue Welt ich damit erschaffen könnte! Das läuft ganz assoziativ! Fühlt sich grandios an. Ich wundere mich oft, dass die anderen das nicht auch so sehen. Mit der Zeit habe ich begriffen, dass ich da eine besondere Gabe habe. Das genieße ich!

Wo findest du die Materialien dafür?

Schon immer bummele ich gerne über Flohmärkte. Da wühle ich in Kisten, an denen alle achtlos vorbeilaufen. Im Laufe der Zeit hat mein Mann sich gut daran gewöhnt, auch wenn mich schon noch mal ein fragender Blick trifft, je nachdem, was sich da mal wieder in meine Hände verirrt hat! Manchmal sind die Verkäufer echt verblüfft, was ich so zusammensammle. Und bei Ebay gibt's auch zuweilen interessante Konvolute oder ganz schräge, spannende Sachen. Das fasziniert mich! Außerdem kann ich bei Wind und Wetter jagen und sammeln. Auch von Freunden bekomme ich Ausrangiertes oder Stoffreste, von denen sie meinen, ich könne sie gebrauchen, nicht zu vergessen der Sperrmüll an der Straße. Da habe ich z.B. schon ein paar alte Ölgemälde gefunden, denen ich dann neues Leben eingehaucht habe.

Welche Materialien sind dir am liebsten?

Die Dinge müssen für mich etwas ausdrücken, Charakter haben oder auch skurril sein. Und das hat nichts damit zu tun, ob was heil oder kaputt ist. Am interessantesten ist meistens das, woran andere keinerlei Interesse mehr haben, weil es angeblich weggeworfen gehört, aus der Zeit gefallen ist oder als scheußlich betrachtet wird. Das reizt mich am meisten.

Wie ist der weitere Entstehungsprozess bis hin zur Vollendung?

Bei mir geht's nur über Trial and Error. Das ist durchaus ein Kampf! Ich such mir zum Thema dann alles zusammen, wühle mich durch Kisten und Kästen und fange an zusammenzubauen. So geht das dann weiter, bis ich das Gefühl habe, dass das rüberkommen könnte, was ich möchte. Außerdem hol ich mir Feedback bei meinem Mann und bin dann immer ganz verblüfft, wenn der mal wieder begeistert ist.

Wie hat sich deine Kunst über die Jahre entwickelt?

Ich glaube, ich bin viel mutiger geworden im Umgang mit den Materialien und habe natürlich auch gestalterische Erfahrung gesammelt. Ich schaffe es immer mehr, mich von meinen Assoziationen leiten zu lassen und mir zu vertrauen, dass das daraus wird, was ich möchte.

Du schreibst selbst, deine Kunst ist deine „leise Rebellion gegen die Enge von normierten und entwertenden Sichtweisen”. Bitte erkläre mal, welche Sichtweisen genau du meinst und wie die Rebellion wirkt.

Ich erlebe oft, dass Betrachter die Dinge, die ich benutze, nicht erkennen und dann sehr überrascht sind, dass sie die ursprüngliche Funktion nicht wahrnehmen . Ein gutes Beispiel dafür ist die Peep Show. Da hab ich alte Krawatten zu Schlangen gemacht. Die Verblüffung bei einigen, wenn sie das dann wahrnehmen, macht was mit ihnen, sie finden das fast schockierend. Es ist also so, dass Dinge in verschiedenen Kontexten eben völlig anders gesehen und auch bewertet werden. Sehgewohnheiten und Bewertungen werden so in Frage gestellt: So kann eben Scheußliches schön, Schönes gruselig, Kitschiges spannend werden. Ich gebe vielem eine Chance, einen veränderten, besonderen oder neuen Wert zu bekommen, der sonst nicht so wahrgenommen werden kann. So hätte ich es auch gerne in der Schule gemacht, aber Noten z.B. helfen in dem Zusammenhang wirklich nicht weiter! Umso froher bin ich jetzt, dass ich Dinge, die zum Aussortieren bestimmt sind, wiederbelebe.

Wie wichtig ist dir Aufmerksamkeit, also dass deine leise Rebellion gesehen und verbreitet wird?

Sehr wichtig! Das ist für mich der rote Faden meiner Arbeit und eine schwierige Gratwanderung beim Gestalten.

Wie wichtig ist die Wirkung deiner Bilder auf die anderen Betrachter?

Ich freue mich, wenn ich merke, dass die Arbeiten eine Wirkung haben und eine Reaktion hervorrufen. Ich empfinde das als Feedback, das mich weiterbringt und mir zeigt, ob meine Arbeiten dem Betrachter die Möglichkeit geben, sich individuell angesprochen zu fühlen und eine Beziehung zum Dargestellten aufzubauen. Wenn ich merke, dass das gelingt, bin ich stolz!

Wie schwer fällt es dir, dich von einem Kunstwerk zu trennen?

In dem Moment, wo ich etwas Neues anfange und die Zuversicht habe, dass daraus was wird, fällt mir das nicht mehr schwer!

Hast du ein Lieblingskunstwerk, das du nicht aus den Händen gibst?

Wir, Volkmar und ich, sind im Wohnmobil die Dordogne in Frankreich entlang gereist und haben jeder ein Bild von derselben Stelle gestaltet. Diese beiden Bilder wollen wir auf jeden Fall behalten.

Dein Mann ist ebenfalls Künstler. Beeinflusst ihr euch sehr in eurem Schaffen?

Genauso wie wir beide in unserem Wesen sehr verschieden sind, was sich ja auch in der Art, wie wir Kunst gestalten, deutlich niederschlägt, ist der Austausch für uns nicht nur unglaublich wertvoll, weiterführend und macht im Übrigen wahnsinnig Spaß. Wir schlüpfen dann auch in die Rolle eines möglichen Betrachters und geben Rückmeldung, was wie auf einen wirkt. Volkmar kann mir zudem helfen, alle handwerklichen Probleme zu lösen, und er gibt mir Tipps.

Gibt es andere Künstler, die dich inspirieren? Welche?

Wir gehen oft in Museen. Das motiviert, sich immer weiterzuentwickeln, an sich zu arbeiten und erweitert den künstlerischen Horizont. Natürlich gibt es da geniale Künstler, wo ich vor Bewunderung einen Knicks mache! Die sind aber so weit weg. Was mich bei allen immer inspiriert, mir anzuschauen, wodurch es einer Künstlerin oder einem Künstler gelingt, mich zu interessieren, meine Aufmerksamkeit zu halten. Was mich genau dazu bringt, ein Bild, ein Objekt, eine Installation näher zu betrachten.

Was würdest du tun, wenn die Kunst nicht wäre?

Dann würde ich vielleicht ein Buch schreiben. Die Kunst ist mir aber viel lieber und auch wohltuender für mich, weil ich rumlaufen kann auf Flohmärkten, weil ich nicht intellektuell grübeln muss, weil sich das für mich viel lebendiger anfühlt und weit weg ist von dem, was ich sonst so in meinem Leben gemacht habe. Die Fähigkeiten, die ich habe, kann ich da viel umfassender ausleben.

Was tust du, wenn du nicht an deiner Kunst arbeitest?

Grübeln! Nee, ich flirte mit meinem Mann! Versuche erfolgreich, mich vor Hausarbeit zu drücken und beobachte den Garten, wie sich dort das Unkraut entfaltet. Außerdem gibt's ja auch noch Freunde, Reisen, sonstigen Genuss. Dazu könnte ich jetzt noch mal zwei Seiten füllen.