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Be part of the art

Ann Besier

Malerin aus Berlin

Ann Besier beschäftigt sich künstlerisch mit der Beziehung zwischen Mensch und Tier. In ihrer Malerei ist diese Beziehung nicht vom Gegensatz geprägt, sondern Mensch und Tier sind Facetten derselben Natur. Fantasie und Symbolik spielen ebenso ihre Rolle für Ann Besier – genau wie ihre Vergangenheit als Punk, wie uns die Künstlerin im Interview verrät.

 
„Die Frage, was den Menschen zum Menschen macht, finde ich sehr faszinierend.“

Impressionen

 

Alle Fotografien von Denis van Deesen, www.denisevandeesen.com

Interview

Was ist Kunst?

Im Grunde ist ALLES Kunst. Man denke nur an Marcel Duchamp und die zur Kunst erhobenen Ready-mades. Kunst ist ein Prozess, Kunst dringt von innen nach außen und umgekehrt. Kunst kann persönlich sein, politisch, beides oder nichts von alledem. Kunst geht einher mit Wahrnehmung, mit einer Sicht der Dinge, der Lage – mit Abkehr und Zuwendung. Kunst ist so vieles. Für mich persönlich ist Kunst wie Nahrung, Essen, Schlafen, Träumen, Erwachen, Auseinandersetzen, Denken, Spüren, Sehen, Erkennen, Lassen, Verwerfen, Neubeginn und Ende. Sie schafft Sinn. Ohne Kunst ist mir, als wäre die Welt aus dem Gleichgewicht.

Du schreibst über dich selbst, du bist von der Punkszene geprägt. Erzähl bitte mal kurz, wie das gemeint ist.

Es war eine wilde und bewegte Zeit, sie hat mein Rollenverständnis als Frau nachhaltig geprägt. Als Punk habe ich zwar auch viel Ablehnung erfahren, doch ich hatte, egal in welcher Stadt ich war, immer ein Zuhause. Allgemein liegt mir bis heute nicht sehr viel an Dingen. Bei Menschen schaue ich nicht auf Kleidung oder Status, sondern darauf, was für ein Mensch mir da wirklich begegnet. Zudem hatten und haben wir das große Glück, in einer Gesellschaft zu leben, in der wir viele Rollen ausprobieren, leben können. Im Grunde genommen ist es ein Spiel, das Leben, mit unendlich vielen Möglichkeiten. Denn man kann, sollte und darf anders sein, ohne sich am Mainstream zu orientieren. Da fängt der Spaß doch erst an. In meiner Malerei nehme ich mir genau diese Freiheit, das zu tun, zu malen, was mich begeistert. Genau das trägt mich.

Erinnere dich bitte mal an deine erste bewusste Begegnung mit der Kunst.

„Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“ ein alter Hollywoodschinken von 1956 mit Kirk Douglas als Vincent und Anthony Quinn als Paul Gauguin. Ich war 10 oder 11 Jahre alt, als er im Fernsehen lief. Da hat es mich gepackt. Ich war hin und weg von den Bildern der beiden Maler.

Seit wann weißt du, dass du Künstlerin bist?

Kreativ war ich immer, fand das jedoch vollkommen normal. Ich hatte zu tun, hab hier mal was gekritzelt, Wände besprüht, Performance gemacht, da mal was geschneidert, geschrieben, viel gereist, viel getanzt, war nachtaktiv, viel in der Szene, auf Konzerten und auf Demos unterwegs. Vor gut 15 Jahren ist mir die Malerei wieder begegnet, und ich bin bei ihr geblieben. Das Suchen hatte ein Ende, ich bin angekommen, bei mir. Wahrscheinlich ging es gar nicht um das Suchen, sondern nur um das Finden.

Wie hat sich deine Kunst entwickelt?

Anfänglich habe ich Fische und christliche Motive gemalt und mich mit mittelalterlicher Buch- und Ikonenmalerei auseinandergesetzt. Es war fast wie ein chronologischer Abriss der Menschheitsgeschichte. Dann malte ich einen grünen Hasen „Hase, sei wachsam!“ und durch dieses Bild entstand im Prozess des Malens wie aus dem Nichts eine ganz eigene Dynamik. Ich hatte keine Kontrolle mehr darüber, was auf der Leinwand entstand. Der Hase ist der Schlüssel zu meinen heutigen Bildern. Dank ihm stellte ich fest, dass ich alles malen kann, ohne Einschränkung. Es war, als würde sich ein gewaltiges Tor öffnen. Ich hatte plötzlich ganz viele Bilder und Figuren im Kopf, die nach außen drängten und gemalt werden wollten. „Hase, sei wachsam!“ wurde direkt auf meiner ersten großen Einzelausstellung in einer Bielefelder Galerie an einen Sammler verkauft, da wusste ich, dass die Richtung stimmt, nicht wegen des Verkaufs, sondern weil das Bild auch in anderen etwas freisetzte.

Wie nennst du deinen heutigen Stil?

Zeitgenössischer realistischer Surrealismus, mit einem Hauch Symbolismus, beeinflusst von der Pop & Urban Art.

Hast du ein Anliegen oder Ziele, die du mit deiner Kunst verfolgst?

Die AkteurInnen und HeldInnen in meinen Bildern sind meist Frauen, Mädchen und immer wieder Tiere. In meinem künstlerischen Prozess lege ich den Fokus auf die Beziehung zwischen Tier und Mensch. Das Tier als autonomes Individuum steht in meinen Arbeiten für das Phänomen von Projektionen und abstrakten Vorstellungen des Menschen von der Natur. Um diesen Gedanken bildnerisch zu transportieren, male ich oft Tiere in Menschenkleidern bzw. mit menschlicher Attitüde. Im weitesten Sinne dienen meine Bilder als Schutzräume für Tiere, Pflanzen und Menschen. Die Natur an sich hat für mich eine Geschichte, die wir täglich verändern und neu entdecken können – auch indem wir uns erinnern, dass wir selbst ein Teil von ihr sind.

Wo malst du?

In meinem Wohnatelier. Ich mag es, wenn Wohnen und Arbeiten verbunden sind.

Wie bereitest du dich vor, wenn du dich ans Werk machst?

Ich arbeite direkt auf Leinwand, mache vorab keine Skizzen. Bei der Wahl meiner Sujets lasse ich mich einerseits von meiner Inspiration leiten, andererseits arbeite ich themenbezogen und konzeptionell. Die Grenzen zwischen Inspiration und Konzept verlaufen fließend. Kaffee ist immer mit an Bord und meine zwei Katzen, die wie meine Musen fungieren. Je nach Stimmung höre ich Musik, manchmal Hörbücher, manchmal arbeite ich auch gerne in der Stille.

Du hast mehrere Bilder auf gebrauchte Geschirrhandtücher gemalt. Wie kam es dazu?

Die Geschirrhandtücher wurden von meiner Mutter ausrangiert. Ursprünglich wollte ich sie als Mallappen nutzen, doch dann fand ich die Drucke und das Material so spannend, dass ich sie auf Keilrahmen aufzog, mit Grundierung bearbeitete, um sie schließlich als Leinwand zu nutzen. Ich finde, die Geschirrhandtücher erzählen aus sich heraus schon eine Geschichte. Sie sind so oft benutzt, dass ihr Stoff hauchdünn wurde. Was die Druckmotive betrifft, haben sie auch etwas Spielerisches, das inspirierte mich schließlich, sie künstlerisch zu nutzen.

Bitte erzähle uns etwas über die fantastisch anmutenden Figuren, die auf diesen Handtüchern zu sehen sind.

Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Besuch von Freak Shows und Varietétheatern sehr beliebt. In den Freak Shows gab es meist sogenannte Kuriositäten, wie Frauen mit Bärten, kleinwüchsige Menschen oder den stärksten Mann der Welt zu sehen. In den Varietétheatern war das Niveau etwas gehobener, es gab Zaubershows, kleine Dressuren, Tänzerinnen und anderes mehr. ,

Die Welt von Freakshow und Varieté habe ich malerisch adaptiert. Bei mir ist es nicht der stärkste Mann der Welt, sondern „Giant Rabbit schafft alles was er will“. Ein Hase, der so stark ist, dass er einen Löwen auf den Schultern tragen kann. Eine Reminiszenz an „Alice in Wonderland“ von Lewis Carroll oder die Vorstellungskraft allein kann Unmögliches möglich machen. Das Bild „Madame ZouZou berechnet den Faktor des Glücks“ ist eine abgewandelte Darstellung der Varieténummer „Mädchen mit Tauben“. Madame ZouZou hat anstatt Tauben Raben dressiert, doch diese dürfen ihrem Instinkt folgen. Ihre Vorführung beginnt, indem sie den kleinen Spatz, den sie in der rechten Hand hält, losfliegen lässt. Die Raben werden ihm folgen. Es kann sein, dass sie den Spatz erwischen, es kann aber auch sein, dass er den Raben davonfliegt. Madame ZouZou führt hierzu eine Statistik in Form einer Strichliste und errechnet damit den tatsächlichen Faktor des Glücks. – Kurz, ich denke mir manchmal gerne kleine Geschichten zu meinen Bildern aus.

Ein bei dir häufiges Motiv sind Schimpansen. Was fasziniert dich an diesen Tieren?

Die genetische Nähe zum Menschen. Schimpansen und Menschen sind zumindest im Aufbau und in der Aktivität der Gene, gerade im Gehirnbereich, fast identisch. Auch wenn sich der Mensch durch die Gehirnfunktion wie Sprache und Gedächtnis vom Schimpansen unterscheidet, beträgt der genetische Unterschied lediglich 1,3 %. Die Frage, was macht den Menschen zum Menschen, finde ich sehr faszinierend, mal unabhängig von den gängigen Evolutionstheorien.

Einige Bilder hast du mit fluoreszierender Farbe auf LKW-Plane gemalt, bei anderen die Leinwand mit Blattgold überzogen. Bitte erzähle mal, wie du deine Materialien auswählst – vielleicht anhand von zwei Beispielen.

Ich probiere gerne Neues aus, um mich von eingespielten Malprozessen zu lösen. Dazu experimentiere ich mit unterschiedlichen Maluntergründen, denn der Verlauf der Farbe auf LKW-Plane oder Blattgold unterscheidet sich grundlegend von dem auf Leinwand.

Bei Blattgold schätze ich das kostbare, hauchzarte Material. Vorab bereite ich eine Leinwand mit einer farbigen Grundierung vor und fixiere das Blattgold mit einer Anlegemilch. Haftet das Gold, überziehe ich es mit einem speziellen Lack. Nach dem Handwerklichen beginnt die eigentliche Malerei. Blattgold verhält sich gänzlich anders als Leinwand. Es ist ein wenig, als würde man auf Alufolie malen, es braucht Zeit. Viele dünne Schichten an Farbe sind notwendig, bevor die Akteure Kontur gewinnen und die Farbe greift. Das entschleunigt ungemein. Zudem müssen die Figuren von Anfang an sitzen, denn eine malerische Korrektur ist danach nicht mehr möglich. Das ist für mich jedes Mal eine Herausforderung.

Bei dem Malen auf LKW-Plane verhält es sich ähnlich, auch hier sind mehrere Schichten dünner Farbaufträge notwendig, bevor die Farbe sich mit dem Untergrund verbindet. LKW-Plane ist mit einer wasserabweisenden Schicht bedampft, sehr dicht gewebt und strapazierfähig. Anders als bei Leinwand erhalten die Farben dadurch einen samtigen Glanz, ähnlich der Ölmalerei. Das mag ich persönlich sehr. Zudem verändert die verwendete fluoreszierende Farbe unter Schwarzlicht komplett ihre ursprüngliche Farbgebung. Das ist für mich jedes Mal ein Überraschungsmoment, da das gesamte Bild im UV-Licht wie verwandelt scheint.

Die ungewöhnlichen Titel deiner Kunstwerke scheinen einen Bedeutungshorizont zu eröffnen, man versucht sie in Bezug zum Motiv zu setzen, was nicht immer gelingt. Bitte hilf mir einmal: „Die Wahrheit ist ein Land ohne Wege“?

Ich mag Worte, Sprache, Gedichte, Poesie, Prosa. Oft, wenn ich male und das Bild mehr und mehr Gestalt annimmt, sich zeigt in der Welt, dann entsteht auch ein Titel in mir. Meist ist er von ganz alleine da, Kopf und Hand sind dann eins. Meist sind es eigene Worte, Sätze, die sich mit dem Bild verbinden, ihm eine Sprache schenken. Manchmal kann es aber auch wie bei der Zeichnung der beiden Mädchen in „Die Wahrheit ist ein Land ohne Wege“ ein Zitat sein.

Es stammt von Jiddu Krishnamurti, 1895 bis 1986, Lehrer und Meister der absoluten Freiheit. Zentral in seiner Lehre ist die Ablehnung von organisierter Spiritualität, Gurutum und Lehre. Krishnamurti sagt, es kann kein Lehrer, keine Lehre und keine Methode zur Wahrheit führen. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, den eigenen Weg zu gehen. Das fand ich passend für die beiden Mädchen.

Sprichst du gern mit Menschen über deine Werke?

Ja, und ich höre auch gerne zu, denn jeder hat seine eigene Geschichte und verbindet diese auch mit meinen Bildern. Das ist sehr interessant und bereichert auch meine Wahrnehmung. Das schätze ich sehr.

Wie reagieren die Leute auf deine Kunst?

Polarisiert. Man könnte sagen, 50 % sind begeistert, 50 % lehnen sie ab. Eine Reaktion gibt es immer. Das schafft Aufmerksamkeit, so soll es sein.

Hast du ein Lieblingswerk?

Meist das aktuelle Bild, an dem ich arbeite, bis das nächste kommt.

Kannst du dich gut von Werken trennen?

Ja.

An welchem Ort sollte unbedingt eines deiner Kunstwerke hängen?

Im MoMA New York und im Himmel.

Welches war dein bisher schönstes Erlebnis mit deiner Kunst?

Als ich nach einer gut 6-monatigen Malblockade bzw. kreativen Pause die Farben wiederentdeckte und die Bilder in meinem Kopf endlich wieder anfingen, auf der Leinwand lebendig zu werden.

Was machst du, wenn du keine Kunst machst?

Ich bin unterwegs in Stadt und Natur, treffe Freundinnen und Freunde, gehe, um wieder anzukommen, besuche Ausstellungen und Museen, lese, denke, schweige, zelebriere Kaffee und Kuchen, verwöhne meine Katzen, esse gerne und gut, sehe Filme, mache Yoga, schau in die Bäume und Wolken, genieße die Sonne und manchmal den Regen.