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Be part of the art

Namito

Maler und Zeichner aus Berlin

Namito wurde im Iran geboren. Seine Eltern setzten ihn als Kind in ein Flugzeug nach Deutschland, damit er eine Chance auf ein gewaltfreies Leben hat. Über seine Ankunft in Deutschland und seine Liebe zu Berlin sprechen wir mit Namito im Interview. Außerdem erklärt uns der Künstler und Elektro-DJ das Besondere an Ölmalerei und die Verbindung von Kunst und Musik.

 
„Ich muss die Dinger raushauen, sonst werde ich wahnsinnig.“

Impressionen

 

Alle Fotografien von denise van Deesen, www. denisevandeesen.com

Interview

Namito, ist das dein Künstlername?

Eigentlich nennen mich alle Namito. Nur meine Mutter und meine Familie nennen mich noch Ali. Das liegt daran, dass ich vier Jahre in einer Kommune hier in Berlin gelebt habe. Da habe ich auch angefangen aufzulegen. Seitdem heiße ich Namito.

Namito, du bist ein bekannter DJ. Nur Elektro oder auch Techno?

Ich mache alles Mögliche an elektronischer Musik, das kann auch ruhiger sein. Aber grundsätzlich mache ich Musik für die Tanzfläche.

Wie kam es dazu, dass du auflegst?

Ich hatte einfach keine Lust mehr, dieselben Lieder in derselben Reihenfolge zu hören, weil das die Leute tatsächlich dort in der Kommune gemacht haben. Wenn Another One bites the Dust kam, dann wusste ich die nächsten fünf Stücke. Das hat mich einfach wirklich zu Tode gelangweilt. Dann habe ich die damals so lange genervt, bis sie mir gezeigt haben, wie das geht.

Wie alt warst du da?

Ich war 17, vielleicht 18.

Hast du die Leidenschaft zur Kunst nach der Musik entdeckt?

Das ist ein bisschen kompliziert. Ich habe immer gerne gemalt. Meine Mutter hat mich im Iran in eine relativ gute Privatschule gesteckt. Über vier Jahre hat sie mich, ja gezwungen (lacht), das mitzumachen. Ich habe es gerne gemacht, aber wenn man so jung ist, will man lieber auf der Straße Fußball spielen als Sachen nachzumalen. Jetzt weiß ich das zu schätzen. Vor zwei Jahren habe ich ein Buch gelesen, es ist ein sehr bekanntes persisches Buch namens Blind Owl. Kurz beschrieben: Es ist ein Albtraum innerhalb eines Albtraums innerhalb eines Albtraums. Die Faszination des Buches ist, dass selbst übersetzt ins Deutsche jeder Satz eine Explosion an Bildern auslöst. Bei jedem Satz, den ich gelesen hab, habe ich gedacht: „Das muss man doch malen!“ Und da kann man wirklich endlos malen. Der ist so unglaublich mit seinen Worten. Ich empfand immer, dass ich das so machen muss. Ich habe einer Freundin, die hier zu Besuch war, erzählt, dass ich das machen möchte und sie meinte: „Erzähl mir das nicht, mach es.“ Dann bin ich losgegangen, habe einen Keilrahmen und Farben geholt. Mir war auch direkt klar, dass es ganz düster sein muss. Da darf nichts Schönes drinnen sein. Das war einfach, denn es ist nicht schön, was er beschreibt. Ich habe also sofort losgelegt und das hat echt Spaß gemacht. Irre war, als ich die Tube aufgemacht habe. Das war, als ob ich 28 Jahre lang nichts anderes gemacht hätte. Da waren ja 28 Jahre Pause dazwischen.

Liegt die Kreativität bei dir in der Familie?

Ja. Mein Vater hat im Iran Kalligrafie betrieben und hat zum Beispiel auch Bilder gemalt, die geschrieben sind. Aus tausenden, abertausenden Allahs hat er Bilder gemalt. Leider wurde er dann in Saudi-Arabien richtig übel übers Ohr gehauen. Monate, Jahre von Arbeit für 3.000 Dollar, weil er einfach keine andere Möglichkeit hatte. Er musste es entweder ganz ohne etwas zu bekommen dortlassen und fliehen oder das nehmen, was sie ihm anbieten. Meine Schwester malt auch. Die traut sich das bloß nicht richtig. Ich bin der Freche, immer raus damit. Meine beiden Schwestern sind aber auf jeden Fall auch sehr kunstaffin.

Warum sind deine Bilder überwiegend von dunklen Farben geprägt?

Das ist eine gute Frage. Als ich die Bilder zusammengestellt habe, habe ich mich das auch gefragt. Warum ist das alles so unglaublich dunkel? Ich habe viel Dunkelheit erlebt im Leben, ob eine Revolution im Alter von sieben Jahren, jahrelanger Krieg und Bombenangriffe oder mit dreizehn dann alleine nach Deutschland kommen und nicht sofort verstehen, worum es geht. Ich war bei meinem Onkel, aber nach zwei Jahren ging das gar nicht mehr gut. Danach waren die zwei Jahre von absoluter Finsternis mit Selbstmordgedanken und allem Drum und Dran geprägt. Ich hätte mir eigentlich nie gedacht, dass sowas in meinen Kopf kommt. Ich bin ein sehr positiver Mensch. Die Musik, die ich mache, ist genau das Gegenteil zu meiner Kunst. Hands up, ich will die Leute feiern sehen. Ich habe weltweit 26 Jahre lang Menschen zum Tanzen und zum Lächeln gebracht, aber die Bilder sind absolut dunkel. Ich weiß nicht warum. Ich habe einfach keine Lust auf Farben. Das kann sich ändern, aber momentan ist das eben das, was rauskommt. Ich würde mich auch nie als Künstler bezeichnen. Ich bin auch kein Musiker. Ich kann keine Noten lesen, aber ich mach das eben alles, weil das aus mir raus muss. Ich schreibe gerade sogar ein Buch. Ich kann das nicht verhindern, es kommt raus und ich muss es kanalisieren.

Du arbeitest mit verschiedenen Techniken? Hast du irgendeine Lieblingstechnik?

Öl finde ich bezaubernd. Wenn es nicht gelingt, kann ich es sofort wieder wegmachen. Das ist eigentlich reine Faulheit. Meine Technik mit dem Stift finde ich rougher, irgendwie cooler. Fehler werden dabei sofort bestraft. Die Bilder habe ich teilweise auch als Projektion, damit es nah an das Original kommt. Die Zeichnungen sind aber alle freihändig. Die sind näher am Herzen, deshalb finde ich die toll. Die Ölbilder liebe ich auch, die sehen auch schön aus, wenn sie irgendwo hängen, aber die anderen sind irgendwie mehr Freestyle, mehr improvisiert.

Hörst du Musik beim Malen?

Ich habe zum Teil, wenn ich diese Jungs gemalt habe, das sind ja alles so Techno-Legenden, deren Musik gehört. Irgendwann, weil das auch alles so dark ist, habe ich das nicht mehr ertragen und habe mir lieber was Leichtes angemacht. Aber eigentlich höre ich gar nicht so viel Musik, wenn ich nicht im Studio bin. Ich komme morgens um acht Uhr hierher und mache bis 17, 18 Uhr Musik. Zum Teil produziere ich andere Leute, da muss ich wie eine Leinwand sein, sozusagen. Wenn ich nach Hause gehe, ist es wirklich selten, dass ich Lust habe etwas zu hören. Außer es ist so was wie Pink Floyd, was so total zeitlos und einfach wahnsinnig gut ist. Das kann ich mir dann noch reinziehen. Aber noch mehr Techno geht gar nicht. Techno geht zu Hause gar nicht. Wenn, dann irgendetwas, was entspannt ist.

Du kommst aus dem Iran und bist als Jugendlicher nach Deutschland gekommen. Haben dich deine Wurzeln beeinflusst, in der Musik wie auch in der Kunst?

Ich glaube schon. Iraner haben durchaus eine tiefe Melancholie in sich und das spüre ich immer wieder in meiner Musik. Das könnte aber auch eine Erklärung sein, warum ich so dunkle Bilder male. Das Land ist ja auch seit Jahrzehnten in so einer dunklen Phase, was sich, Gott sei Dank, gerade auflöst, aus meiner Sicht. Ich hoffe, dass es so weitergeht. Aber es ist einfach sehr schwer dort und es ist zum Teil auch hoffnungslos gewesen. Ich war auch eine Weile politisch aktiv, als diese Ahmadinedschad-Nummer losging. Ich habe aber leider irgendwann gemerkt, dass ich nichts ändern kann. Ich kann nur etwas ändern, indem ich Musik mache und damit Freude in die Welt bringe oder male oder irgendetwas mache, was Menschen eine Freude bereitet. Wenn ich auf Facebook irgendeinen Quatsch lese, kriege ich nur einen Hals. Das arbeitet in mir und macht mich nur wütend. Seitdem ich ein gewisses Erlebnis hatte, beschäftige ich mich gar nicht mehr damit. Sobald ich ISIS sehe, schalte ich sofort weiter. Ich will mich mit dem Dreck nicht beschmutzen. Ich kann das nicht ändern, ich kann nur um mich herum dafür sorgen, dass ich die Leute gut behandele und sie so behandele, wie ich behandelt werden möchte. Wenn das alle befolgen, ist alles okay. Eigentlich braucht man keine Religion, eigentlich braucht man nichts. Einfach nur auf die innere Stimme hören.

Bist du fest verbunden mit Berlin oder kannst du dir auch vorstellen, woanders zu leben?

Ich bin Berliner. Wenn man in Berlin gelebt hat, ist es wirklich schwer, sich für einen anderen Ort zu begeistern. Ich kann das fürs Alter nicht ausschließen, weil diese Stadt schon sehr lebendig ist. Ich kann mir vorstellen, wenn ich älter bin, mich irgendwo im mediterranen Bereich niederzulassen mit meinen liebsten Freunden und … ja, mein Leben zu genießen. Aber momentan gibt es als Musiker und Künstler eigentlich kaum einen besseren Platz. Hier kommen alle zusammen. Ich brauche nur über die Straße gehen und laufe zwei, drei anderen Musikern, die hochgradig interessant sind, in die Arme. Da entstehen auch spontane Kooperationen. Das passiert so noch nicht mal in London. Allein die Clubszene hier in Berlin ist so dermaßen Champions-League-Finale. Der Rest ist dann so dritte Liga Nord oder so. Ich rede hier von Weltstädten wie Sydney, New York … die können alle einpacken. Das ist hier ganz großes Kino. Ich fühle mich einfach sauwohl und möchte auch einfach noch lange Musik machen und auflegen, weil das nie aus Geldgründen entstanden ist. Das war einfach der Gedanke, dass ich etwas Schönes mit Musik anstellen will. Wenn ich im Club bin und auflege, dann existieren für mich keine Probleme. Ich bin da wirklich im Himmel.

Hast du kreative Vorbilder?

Musikalisch sind es tatsächlich so Leute wie Peter Gabriel. So Leute, die sich immer weiterentwickelt haben und nie stehen geblieben sind und sich immer wieder neu definiert haben. Das finde ich einfach super. Ich fand immer Anthony Quinn ganz interessant. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“, diesen Spruch kann ich nicht ausstehen. Das ist so dermaßen unkreativ. Er war Schauspieler, hat aber auch gemalt und Skulpturen gemacht und die waren großartig. Als ich angefangen habe zu malen, haben alle gesagt, ich soll das nicht machen, soll mich auf meine Musik konzentrieren. Ich kann doch aber etwas, das aus mir heraus will, nicht unterdrücken. Nur, weil ich dann zwei Platten mehr verkaufe. Das mache ich nicht. Ich finde viele Leute interessant. Auch Damon Albarn von den Gorillaz finde ich super. Ein außerordentlicher Mensch. Wer mich wahrscheinlich unterbewusst beeinflusst hat, ist Gerhard Richter. Vielleicht bin ich deshalb auch so dunkel, weil ich die Bilder, die er gemalt hat, diese Schwarz-Weißen, wirklich magisch empfunden habe. Ich war begeistert von diesen verwackelten Bildern.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Ich werde auf jeden Fall mein Buch schreiben. Das mache ich auf jeden Fall. Weil das auch einfach passt, jetzt in dieser Zeit, wo alle Flüchtlinge hierherkommen und sich viele Menschen davon bedroht fühlen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die das gar nicht wollen. Ich wollte nicht weg aus dem Iran, trotz Bomben und Krieg. Ich wollte bei meiner Familie bleiben. Als die mich in den Flieger gesetzt haben – das war die Hölle. Wirklich. Das wünsche ich keinem Kind und auch keinen Eltern. Damals dachte ich, die wollen mich wegschicken. Der Rest ist dageblieben, warum schicken die mich weg? Diese Leute, die aus Syrien oder Afghanistan hierher kommen, die haben einfach nichts zu lachen da unten. Gerade die Syrer, die können nicht anders. Und wenn ich die Wahl hätte, würde ich natürlich auch dahin gehen, wo es am schönsten ist. Das ist ein Kompliment an Deutschland, dass die alle hierher kommen wollen. Es zeigt, was für ein großartiges Land Deutschland ist. Das Buch schreibe ich zu Ende. Ich will ganz lange Musik machen, gerade das Produzieren.

Können wir auch Kunst von dir erwarten?

Kunst werde ich auf jeden Fall auch immer weitermachen, ja. Malen, und ich will tatsächlich auch noch in die Bildhauerei gehen. Das muss ich irgendwann mal machen, das ist einfach so. Aber ich baue auch gerade eine App. Ich bin einfach da und irgendwas räsoniert in meinem Hirn. Ich muss die Dinger raushauen, sonst werde ich wahnsinnig.

Also kann man dich auch einen Tausendsassa nennen?

Ja, total. Es ist wirklich schwer, man kann nicht sagen, der Typ macht nur Techno. Ich mache einfach alles, was mir gefällt. Und es ist total undefiniert. Das macht das Marketing total schwer, was ja heute das A und O ist. Ich versuche das gerade ein bisschen zu kanalisieren. Vielleicht unter verschiedenen Namen zu arbeiten, damit man eine gewisse Ordnung hat. Aber bisher habe ich immer gemacht, wonach mir war und auch bei guten Labels untergebracht. Hat ja auch funktioniert. Ich mache das nun seit 26 Jahren, das können nicht viele von sich behaupten. Was natürlich aber auch mit der extremen Liebe zu tun hat, die ich für meine Arbeit empfinde. Es gab viele Momente, in denen ich eigentlich hätte aufhören müssen. Gerade finanziell, das ist einfach schwierig. Aber ich liebe das. Ich komme morgens um acht Uhr hierher in mein Chaos und arbeite.