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Be part of the art

Oliver Niemöller [on:]

Multimedia-Künstler aus Köln

Aus Musik und Mathematik entsteht Kunst. Der Kölner Künstler und Komponist Oliver Niemöller erschafft virtuelle, dreidimensionale Objekte, die er durch eine Art virtuelle Fotografie auf ein Blatt Papier bringt. Wir treffen ihn in seinem Atelier, was natürlich überwiegend aus Computern besteht, und sprachen über 3D-Fraktale, den Zufall in der Mathematik und, wie sich Musik, Mathematik und Kunst gegenseitig beeinflussen.

 
„Der Überraschungseffekt ist das Schöne, weil man immer wieder neue Sachen findet.“

Impressionen

 

Alle Fotografien von Dirk Behlau, www.thepixeleye.com

Interview

Du bist Komponist, erschaffst aber auch digitale Kunst. Wie beeinflussen beide Kunstformen sich gegenseitig?

Ja, der gemeinsame Ursprung ist die Mathematik. Als ich zur Schule gegangen bin, hatte ich Mathe und Musik als Leistungskurs und musste mich irgendwann entscheiden. Als mein Mathelehrer mir gesagt hat, dass das, was mich interessiert, nämlich Zahlentheorie, im Studium nicht vorkommt, habe ich mich entschlossen Komponist zu werden. Das war dann sozusagen auch meine erbliche Vorbelastung, meine Eltern sind beide Musikwissenschaftler. Für mich war in der Musik auch immer räumliches Denken entscheidend. Eine Orchesteranordnung, also wie ein Orchester aufgebaut ist, woher der Klang kommt, das ist sehr wichtig. Deswegen bin ich irgendwann auch konsequent dazu übergegangen, nicht nur Stereo zu produzieren, sondern Surround, Quattro, 5.1, 7.1. Ich habe immer schon Kunstvideos und Kunstmusikvideos gemacht und wollte dann eben auch ein Surround-Video dazu haben, zum Surround-Sound. Dadurch bin ich auf die 3D-Fraktale gestoßen, wo dann auf einmal die Mathematik wieder ins Spiel kam, die Mathematik mit komplexen Zahlen. So ist das Ganze eigentlich entstanden.

Also hat sich ein Kreis geschlossen?

Ja, genau. Für mich war das einfach nur eine Erweiterung meines Tätigkeitsfeldes. Ich mache jetzt abgesehen von den Bildern eben auch Animationen mit den 3D-Fraktalen, wozu ich dann wiederum meine Musik mache. Deshalb ist eigentlich nur das Paket größer geworden.

Du bringst also deine dreidimensionale Kunst vom Computer zweidimensional auf ein Blatt Papier?

Im Grunde genommen ist es eine Art virtuelle Fotografie von einem virtuellen 3D-Objekt. Deshalb habe ich mir auch einen 3D-Drucker zugelegt um das ein oder andere dreidimensionale Objekt auch wirklich in der Hand halten zu können. Es gibt aber leider auch noch Grenzen, was 3D-Drucker können und es gibt natürlich auch Grenzen der Physik. Bei 3D-Fraktalen hat man eben oft auch schwebende Teile, die kann man halt nicht drucken. Kann man schon mit Support, aber dann schweben sie nicht mehr.

Das wäre noch ein Traum, oder?

Ja, naja, wir arbeiten ja daran, die Schwerkraft aufzuheben (lacht). Durch Flüssigstickstoff und Elektromagnetismus. Es gibt jetzt ja schon dieses Möbius-Band, wo der Magnet sozusagen rund läuft. Ist in Arbeit, auch wie 3D-Drucker, ein Zukunftsprojekt und eben alles noch in den Kinderschuhen. Sowas interessiert mich aber natürlich auch. Wenn es technische Neurungen gibt, probiere ich sie in der Regel aus.

Wie kamst du zur Kunst?

Das erste Kunstbuch, das ich als Kind hatte, war „Die Welten des M.C. Escher“. Einfach, weil mich die Geometrie fasziniert hat, oder viel mehr ihre Grenzen. Das hat sich durch mein Leben durchgezogen. Ich habe immer schon Kunstausstellungen besucht. Ich war immer offen, habe zum Beispiel an der Oper gearbeitet, mit Tänzern zusammen, mit bildenden Künstlern. Ich habe Filme von anderen vertont. Es gab immer auch den Bezug zum Bild. Ich selber kann nicht malen, das gebe ich auch offen zu. Partituren kann ich malen, die kann ich auch sehr schön schreiben und technische Zeichnungen kriege ich auch hin, aber malen als Solches, mache ich dann lieber mit dem Computer.

Deine Kunst besteht aus Fraktalen, hat also etwas mit Mathematik zu tun. Magst Du uns den Begriff Fraktal erklären?

Geprägt hat den Begriff Fraktal Benoît B. Mandelbrot, der sich in den 1960er Jahren im Grunde mit Fehlern in der Datenübertragung beschäftigt hat. Dadurch ist die Chaostheorie entstanden. Er hat bestimmte Muster gefunden, die er dann mathematisch beschrieben hat. Daraus ist sozusagen das Urfraktal entstanden, das hier in den 1980ern als Apfelmännchen bekannt geworden ist. Das ist nichts anderes, als eine einfache Gleichung, nämlich xn = x^2 + c . Wobei x2 als auch c komplexe Zahlen sind, also ein realer Anteil und ein imaginärer Anteil. Imaginär heißt einfach Mal Wurzel minus 1. Man fängt mit einem Startwert an, setzt ihn ein und rechnet ihn aus. Das, was herauskommt, setzt man wieder in die Gleichung ein. Das macht man immer wieder und eben für eine ganze Punktmenge. Dann guckt man, welche Punkte innerhalb eines bestimmten Bereichs bleiben und welche gegen unendlich gehen, welche gegen null. Daraus ergeben sich die Bilder des Apfelmännchens. 2007 haben ein Mathematiker und ein Programmierer zusammen herausgefunden, wie man das Ganze in 3D machen kann. Das ist das, womit ich jetzt arbeite.

Also ein absoluter Glücksgriff?

Ja!

Planst du deine Arbeiten oder überlässt du sie dem Zufall? Spielt der Zufall eine Rolle in deiner Kunst?

Sowohl, als auch. Erstmal ist es trial and error. Formeln ausprobieren, gucken was passiert, wenn man rein zoomt, wenn man Parameter verändert und so weiter. Mit der Zeit hat man Erfahrungswerte, was eine Formel macht. Dann kann man aber Formeln kombinieren, auch das noch in verschiedener Form. Man kann sie abwechselnd rechnen lassen, den Gesamtwert aus beiden oder noch mehr Formeln nehmen. Da gibt es dann natürlich irgendwann Erfahrungswerte. Wenn ich die Formel mit der Formel kombiniere, sollte das herauskommen. Man wird aber immer wieder überrascht, weil diese Zahlen sich eben chaotisch verhalten und man es doch nicht vorhersagen kann. Das ist nicht, wie mit normalen, natürlichen Zahlen. Mit komplexen Zahlen ist man auch immer im Bereich des Chaos. Der Überraschungseffekt ist aber auch das Schöne daran, weil man immer wieder neue Sachen findet. Ich probiere immer weiter aus und suche neue Sachen und entscheide dann, wenn ich etwas gefunden habe, ob es mir gefällt oder es in die richtige Richtung geht. Ich verändere es dann so lange, bis ich denke: „Das ist es!“

Wenn man eine Formel anwendet, wie du es jetzt sagst, kommt dann eigentlich im Ansatz erst mal immer das Gleiche heraus?

Nein! Das ist ganz abhängig von der Formel. Jede Formel generiert sozusagen einen eigenen Körper. Und damit einen Raum, denn wenn man in den Körper hineingeht, ist man in einem Raum. Von außen betrachtet, betrachtet man einen Körper. Jede Formel generiert einfach einen ganz anderen Körper. Klar gibt es hier und da Ähnlichkeiten, wenn die Formeln ähnlich sind, aber letztlich hat jede Formel etwas ganz Eigenes. Und wenn man dann die Parameter verändert, kann man eine Formel so umgestalten, dass man sie quasi nicht mehr wiedererkennt.

Hast du künstlerische Vorbilder?

Richtige Vorbilder habe ich nicht, hatte ich auch in der Musik nicht. Alle, die sich mit erweiterter, nichteuklidischer Geometrie beschäftigen… Das ist etwas, was mich fasziniert. Wenn es einen zahlentheoretischen Hintergrund gibt. Ich erkenne eben sehr schnell, wenn es irgendwo irgendwelche Patterns gibt. Die müssen in dem Sinne nicht regelmäßig sein, sondern nur wiederkehrende Sachen, auch komplexe Sachen, wie zum Beispiel die Fibonacci-Reihe. Wenn jemand irgendwelche Techniken entwickelt hat, die mir nahe sind, dann benutze ich die auch und gucke natürlich, wie der das gemacht hat und wie ich von dem lernen kann. Es gibt noch andere Künstler, die Grenzbereiche wie Escher erforscht haben, auch in der Kunst. Vor ein paar Jahren habe ich in Istanbul in einer Bank eine Ausstellung von einem englischen Künstler gesehen, den Namen habe ich leider vergessen. Der hat sich auch mit mehrdimensionalen Räumen beschäftigt, die in Objekten dargestellt und das hat mich total fasziniert. Mehrdimensionale Körper sind eben auch etwas, das man mit Fraktalen berechnen kann, um dann wieder eine Projektion in einen dreidimensionalen Raum zu machen.

Tauschst du dich häufig mit anderen Künstlern aus? Gibt es überhaupt Künstler, die in deinem Bereich aktiv sind?

Wenige, sehr wenige. Ich habe letztens das Kunstfestival Strom IV kuratiert und auch organisiert und habe da einen Kollegen aus Frankreich eingeladen, Philippe Jacqueroux, dessen Bilder ich auf dem Festival gezeigt habe. Er ist für mich einer der Virtuosen im Umgang mit Formeln. Aber so in meinem persönlichen Umfeld bin ich mit meiner Kunst ziemlich alleine.

Gibt es in diesem digitalen Bereich auch eine künstlerische Handschrift? Kann eine bestimmte Art der Darstellung auf dich zurückgeführt werden?

Ja, ich glaube schon. Das, was man auch in der Musik Handschrift nennt, dass man sagt: „Das ist ein Niemöller!“ So denke ich auch, dass es in meinen Bildern einen mathematischen Hintergrund gibt und, dass der geometrische Hintergrund, der mich fasziniert, doch immer wieder zum Tragen kommt. Auf der anderen Seite geht es für mich eben auch darum, dass Bilder emotional wirken, genauso wie für mich wichtig ist, dass Musik eine emotionale Sprache ist und kein reines intellektuelles Vergnügen, müssen auch die Bilder irgendwie sprechen, ein Bauchgefühl auslösen. Die Leute sehen manchmal meine neuen Bilder und sagen: „Ah, ein echter Niemöller.“ Von daher gehe ich mal davon aus, gibt es so etwas wie eine Handschrift. Das können andere besser beurteilen als ich, weil ich auch nur aus dem Bauch heraus entscheide, wie es für mich richtig ist.

Würde Schwerelosigkeit deine Arbeit erleichtern?

Also meinem Rücken würde das mit Sicherheit gut tun (lacht). Das würde auf jeden Fall neue Möglichkeiten eröffnen, die ich aber nicht wirklich einschätzen kann. Ich habe mir da noch nicht wirklich viele Gedanken zu gemacht, aber das ist eine gute Idee, darüber mal nachzudenken.

Wie lange dauert es, bis ein Kunstwerk von dir entsteht?

Meine Arbeit ist tatsächlich sehr meditativ. Es hat auch viel mit Geduld zu tun. Das Rendern dauert zwischen drei und fünfzig Minuten, dann hat man aber noch keine Auflösung zum Drucken, sondern nur mal so zum Gucken. Manche Bilder rendern über 26 Stunden. Es ist also schon irgendwie eine meditative Arbeit und hat auch mit Geduld zu tun. Deshalb arbeite ich meistens auch an mehreren Rechnern gleichzeitig. Genau wie beim Komponieren auch, braucht man einfach Geduld.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Das hat mit 3D-Fraktalen gar nichts zu tun, aber mit Zahlentheorie. Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem RSA-Algorithmus, eine Verschlüsselung im Internet, basierend auf einem Produkt von zwei Primzahlen, möglichst groß, damit man sie nicht wieder auseinander dividieren kann. Im Grunde der Denksport, wie man PGP, Pretty Good Privacy, wo das angewendet wird, wie man das knacken kann. Das hat mich zu vielen Modellen geführt, wie man Primzahlen betrachten kann. Damit würde ich ein großes, begehbares Projekt bauen. Wo Leute sozusagen ihre zwei Primzahlen eingeben und dann passiert etwas damit. Mehr möchte ich dazu jetzt noch nicht verraten.